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Musical HAPPY LANDING

Musicalbosse im Konfirmandenanzug

Das Dach undicht, die Wände voller Schimmel: Das Gloria-Kino in Bad Säckingen stand schon vor dem Abriss. Dann kommen zwei junge Kerle und bauen es zu einem Musical-Tempel um – ohne Geld, aber mit viel Enthusiasmus. Eine Erfolgsgeschichte aus der Provinz.

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21. März 2017, Stuttgarter Zeitung

Bad Säckingen - Karl Thomann hat schon eine Herzklopfsynchronisationsmaschine konstruiert – mit vielen Rädchen und Lämpchen. Jetzt ist er wieder einmal am Schweißen. Für die neue Musicalproduktion des Gloria-Theaters in Bad Säckingen (Kreis Waldshut) baut der 52-Jährige eine fahrbare Bühne. Thomann leitet den örtlichen Recyclinghof und ist Erbe des ersten und einzigen Müllmuseums in Baden-Württemberg. Da hat er die Gabe, aus nichts etwas zu machen.

Thomann ist typisch für das Personal, das der Intendant Jochen Frank Schmidt und der Kaufmännische Direktor Alexander Dieterle im Gloria-Theater um sich geschart haben. Standesgemäß im Smoking empfangen sie ihre Gäste, wobei sie darin auch nach zehn Jahren als Theaterbosse immer noch ein wenig wie reingesteckt aussehen. Schmidt ist 37 Jahre alt, Dieterle ein Jahr jünger. Gerade haben sie 21 Sänger und Tänzer für ihr neues Musicalprojekt gecastet. „Happy Landing“ (Glückliche Landung) heißt es und soll im Oktober Premiere feiern. Glücklich gelandet sind sie auch selbst. „Wir leben hier täglich unseren Traum“, sagt Schmidt. „Ich kann gar nicht fassen, dass das schon zehn Jahre sind.“

Glorias ruhmreiche Vergangenheit

Das Gloria in Bad Säckingen ist ein Haus mit Tradition – und traditionell auch mit Problemen. Im Jahr 1959 wurde es von einem Investor aus Geislingen (Kreis Göppingen) gebaut. Der wollte darin eigentlich nur Filme zeigen. Doch um dem Gemeinderat das Projekt schmackhaft zu machen, ließ er eine Bühne mit Orchestergraben einbauen. Wirtschaftlicher Erfolg­ war ihm nicht beschieden. Als der Mann wenige Jahre später starb, hinterließ er einen riesigen Schuldenberg.

Im Grunde war der Saal mit seinen 600 Plätzen von Anfang an als Kino für die kleine Stadt am Hochrhein viel zu groß. Doch einige Jahre lang schauten die Showgrößen der Wirtschaftswunderzeit vorbei: Vico Torriani war da, Peter Kraus ebenso. Aus dieser Zeit stammt auch der legendäre Ruf. Nicht wenige Säckinger Liebesgeschichten der 60er und 70er Jahre haben auf den dortigen Kunstledersitzen ihren Ausgang genommen. „Viele haben wunderbare Erinnerungen“, sagt der Altbürgermeister Martin Weisbrodt (parteilos).

Das Gelübde des Bürgermeisters

Auch Weisbrodt stammt aus Geislingen. Als er, gerade frisch ins Amt gekommen, im Jahr 2004 erstmals auf der Bühne des Gloria-Theaters stand und in den Zuschauerraum mit seiner Empore blickte, waren dort die goldenen Zeiten längst vorbei. Der letzte Kinopächter hatte aufgegeben. Die Leinwand war verschlissen, das Dach undicht. Schimmel breitete sich aus. Und doch verliebte sich Weisbrodt in den Saal. Auf keinen Fall werde er dieses Schmuckstück abreißen, schwor er sich.

Eigentlich war die Vermarktung des Grundstücks bereits zur Sanierung des Stadthaushalts fest eingeplant. Ausgerechnet vom neuen Bürgermeister wurde dies nun hintertrieben. Er suchte nach Mitstreitern und schaffte heimlich Fakten. Beim Denkmalamt beantragte er die Aufnahme des 50er-Jahre-Kastens in die Liste geschützter Bauten. Doch einen Plan, wie das Kino genutzt werden könnte, hatte er nicht – bis eines Tages zwei junge Herren vor ihm saßen. In ihren Anzügen hätten sie wie Konfirmanden ausgesehen, erinnert sich Weisbrodt. Doch er habe gemerkt: Die sind begabt und haben ein Ziel.

Die Karriere beginnt in der Schule

Tatsächlich konnten Schmidt und Dieterle schon etwas vorweisen. 1997 hatten sie mit ihrer Schülerband Omikron den Bundespreis bei „Jugend rockt“ gewonnen, kurz nach dem Abitur im Jahr 2000 brachte Schmidt am heimischen Klettgau-Gymnasium in Waldshut-Tiengen sein erstes selbst geschriebenes Musical auf die Bühne. Dieterle sorgte für Ton und Licht. Später studierte der eine Betriebswirtschaft, der andere Informatik. Als sie in Säckingen vorsprachen, hatten sie sich wieder zusammengetan und suchten für ihr neues Musical nach einer Industriehalle für ein Gastspiel. Doch Weisbrodt ließ sie nicht wieder gehen. „Ich habe etwas viel Besseres für euch“, sagte er und führte sie ins Gloria.

„Mein Gott, was waren wir blauäugig“, sagt Schmidt. Als sie den Pachtvertrag unterschrieben, stand der Abriss des Baus wieder einmal auf der Tagesordnung der nächsten Gemeinderatssitzung. Das Gebäude war noch maroder als gedacht. Doch zahlreiche Säckinger packten mit an. „Mein damaliger Vermieter hat sämtliche Klappsessel aus- und wieder eingebaut“, erinnert sich Schmidt. Kostenlos darf er das Gebäude seither nutzen und erhält sogar einen Heizkostenzuschuss. Für die Stadt sei das trotzdem ein Glücksfall, sagt Bürgermeister Alexander Guhl (SPD). „Dafür muss ich meinen Vorgänger loben.“

Südbadens größte Kinoleinwand

Auf der einen Seite der Bühne hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Basel“, auf der anderen Seite einer mit „Waldshut“. Dazwischen liegen die Bretter, die für Schmidt, den extrovertierten Künstler, und Dieterle, den Nerd, seit zehn Jahren die Welt bedeuten. Längst wird das Ensemble nicht mehr im Bekanntenkreis gecastet. Teilweise habe man dieselben Künstler unter Vertrag wie die Musical-Bühnen in Stuttgart, sagt Schmidt stolz. Die Stars kommen gerne – wegen des Ambientes­. „Wir zahlen aber auch besser.“ Dafür wird bei der Technik gespart. „Wir machen viel am Computer“, sagt Dieterle. Ton und Licht mischt der Kaufmännische Direktor immer noch selbst ab.

Auf mehr als 40 ausverkaufte Shows brachten es die beiden mit ihrer letzten Eigenproduktion. Bei „Happy Landing“ sollen es noch ein paar mehr werden. Dazwischen gastieren Revivalbands und Comedygrößen. Mittwochs laufen Kinofilme auf „Südbadens größter Kinoleinwand“. „In einer Großstadt ist Kultur allgegenwärtig“, sagt Schmidt. In der ländlichen Gegend von Hochrhein und Hotzenwald müsse man die Leute aber erst mal vom Fernseher weglocken. Das funktioniert im Gloria nun schon seit zehn Jahren. Ließe sich in Bad Säckingen lernen, wie Kleinstadtkinos und -theater zu retten sind? Jochen Frank Schmidt zuckt mit den Schultern: „Warum nicht?“ Doch noch hat sich kein auswärtiger Bürgermeister gemeldet.

 
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